Jedermann-Radsport: „Streckentest“ des Deutschland-Grand-Prix am 2./3. Juni

Von Marc Dittmann
Bad Saulgau „Der Deutschland-Grand-Prix ist ein tolles Ereignis. Um den gleichen Werbewert in Sachen Stadtmarketing zu erzielen, müsste Bad Saulgau ein Vielfaches an Geld investieren wie es jetzt die Stadt kostet“, sagt Rolf Weggenmann, Geschäftsführer der Rolf-Gölz-Fahrräder-GmbH in Bad Saulgau und einer der Initiatoren des Deutschland-Grand-Prix (DGP). Er sitzt am Steuer seines Firmen-Transporters. Die Schwenktüren hinten sind offen, die Schiebetür seitlich ebenfalls. Die Fotografen und der Kameramann eines Fernsehsenders, die bei Weggenmann im Transporter sitzen, stehen und schaukeln. Sie haben die Möglichkeit, die Radcracks, die die Strecke des Deutschland-Grand-Prix abfahren und testen, ins rechte Licht zu rücken. Die Fotos sollen via Internet und Print weiteren Hobbyradsportlern Appetit auf einen Start in Oberschwaben machen. Stadtmarketing eben.
Dabei zieht es wie „Hechtsuppe“. Plötzlich: ein lautes Krachen im Rücken des Quartetts, das neben dem Fotografieren, Filmen und Balancieren auf der Ladeluke und dem Fahren durchaus Zeit für den einen oder anderen Scherz findet. „Oops, was war das?“, fragt einer. Sein Blick wandert nach hinten. Eine der Fahrraddecken im Laderaum hat sich verselbstständigt und ist laut krachend auf den Asphalt irgendwo zwischen Hohentengen und Fulgenstadt aufgeschlagen. Gerade noch rechtzeitig können die folgenden Fahrzeuge, die ebenfalls zum „Oberschwaben-Sightseeing-Corso“ gehören, anhalten. Der Fahrer steigt aus und sammelt das „Strandgut“ auf. Weggenmann und Co. setzen derweil in aller Seelenruhe ihre Fahrt fort. Lachen. Neben dem Lieferwagen, auf futuristisch anmutenden Zeitfahrmaschinen, rollen auch Radprofi Bert Grabsch (Omega Pharma Quickstep), Daniel Unger, Triathlon-Weltmeister von 2007, und David Heine, ebenfalls Radsportler und als Projektleiter Marketing in Diensten von Titelsponsor Specialized, ruhig weiter.
Bis zu diesem Zeitpunkt haben Grabsch, Unger und Heine schon fast die ganze Strecke unter ihre Carbonräder genommen, unter anderem auch eine ziemlich verdutzte Gruppe Freizeitradler überholt. „Die Strecke ist für Hobbyradfahrer ganz schön ambitioniert, es geht rauf und runter“, entfährt es Bert Grabsch, dem Zeitfahrweltmeister des Jahres 2008, als er in Eichen eine enge Kurve nimmt. „Der ist normal flache, gerade Strecken gewöhnt“, klärt Fotograf Bernd Spitzer die Mitfahrer des Weggenmannschen Transports auf. Lautes Lachen.
Die Strecke ist kein Vergleich zum – aus Profisicht – eher langweiligen Kurs 2009, als der DGP erstmals ausgetragen wurde. Inzwischen hat das Kind die Stützräder abgeschraubt und fährt im Konzert der Großen mit. „Mit der Aufnahme in die UCI-Liste sind wir quasi in die Champions-League ausgestiegen, lässt Freude-Eventlogistik-Chef Albrecht Röder beim anschließenden Pressegespräch über seine Mitarbeiterin Maike Hasenäcker wissen. Erstmals ist das Rennen Bestandteil der UCI-World-Cycling-Tour, als einziges Rennen in Deutschland. Obwohl sich auch Ausrichter in Hamburg und Berlin beworben hatten, erhielt Bad Saulgau den Zuschlag. Hobbyradsportler können sich bei einem dieser 14 weltweit ausgetragenen Radrennen für das UWCT-Finale, der offiziellen Jedermann-WM in Pietermaritzburg/Südafrika, qualifizieren.
„Alpe d'Huez"
Oberschwabens 31 Kilometer beim Einzel- und beim Paarzeitfahren sowie 40 Kilometer beim Vierermannschaftszeitfahren liegen zwischen Start und Ziel vor der Kleber-Post in Bad Saulgau. Über Sießen, Wolfartsweiler, weiter nach Fulgenstadt, Eichen und Ölkofen, bis nach Hohentengen führt die Strecke. In Hohentengen soll wieder der Stimmungshöhepunkt liegen. Das verspricht auch Albert Wetzel von den Radfreunden Göge beim anschließenden Gespräch im „Haus am Markt“: „Wenn die Fahrer am Fuß schon müde sind, sollen sie durch unsere Anfeuerung nochmals einen Schub erfahren, dass sie, wenn sie die Kuppe erreicht haben, platt sind.“ Einzelne Fahrer bezeichneten die Stelle im vergangenen Jahr auch stimmungsmäßig als das „Alpe d'Huez“ Oberschwabens.
Die gleiche Strecke führt nach dem Wendepunkt in Hohentengen wieder zurück bis nach Bad Saulgau. 300 Anmeldungen liegen bereits fürs Einzelzeitfahren am Samstag (Start: 13 Uhr) vor, 50 fürs Paarzeitfahren (So., 14 Uhr) und 20 fürs Vierermannschaftszeitfahren. Maike Hasenäcker: „Die Meldezahlen sind um 20 Prozent besser als im vergangenen Jahr.“ Auch weil Starter aus ganz Europa kommen, die sich keiner Dopingkontrolle unterziehen müssen („Weggenmann: Das ist ein Hobbyrennen, klar kann man leider auch bei so was nichts ausschließen..“), darf sich Bad Saulgau Hoffnungen auf einen höheren Bekanntheitsgrad machen. „Für die Stadt ist das eine außerordentliche Geschichte“, sind sich auch Ilona Boos und Thomas Lehenherr, die bei der Stadt die Federführung für den DGP inne haben, sicher. Umrahmt wird der DGP vom AOK-Kids-Cup am Sonntagvormittag, „dazu gibt es noch einige Überraschungen“, sagt Weggenmann.
Parallel zum DGP bringt Titelsponsor Specialized seine karitative Initiative „Right To Play“ ins Spiel, die die Lebensqualität von bedürftigen Kindern verbessern will – vor allem mit Spiel- und Sportprogrammen. Deshalb wird zum einen ein Trainingsrad von Formel-Eins-Weltmeister Michael Schumacher versteigert (www.unitedcharity.de), unterschrieben von Michael Schumacher und in einem neuwertigen Zustand, Mindestgebot 5000 Euro. „Zum anderen kann jeder Teilnehmer bei der Abmeldung wählen, ob er 15 oder 30 Euro für „Right To Play“ spenden will und erhält dann eine speziell designte Trinkflasche“, erklärt Heine, frisch geduscht.Stadt bittet um VerständnisUnd auch bei der Stadt rüstet man sich. „Natürlich haben wir mit den Jahren immer mehr an Erfahrung gewonnen. Wir werden die Strecke an wieder absperren, mit Hilfe des Bauhofs, und bitten schon jetzt um das Verständnis der Autofahrer“, sagt Wolfgang Wachter vom Bad Saulgauer Ordnungsamt. Bei den meisten Autofahrern dürfte Wachter auf dieses stoßen. Bei dem einen oder anderen aber auch nicht. So wie bei dem „Kandidaten“, der am Mittwochmitttag während der Testausfahrt die Kolonne mit seinem Auto überholt, aber am „Führungsfahrzeug“ von Rolf Weggenmann, seinen Mitfahrern sowie an Unger, Grabsch und Heine nicht vorbeikommt. Er hupt, gestikuliert wild und fährt am Ende mit quietschenden Reifen und ausgestrecktem Mittelfinger vorbei. Noch hat nicht jeder die Wirkung des DGP fürs Bad Saulgauer Stadtmarketing erkannt.
(Erschienen: 02.05.2012 21:10)